Stiere, Pferde und Flamingos

Südfrankreich

Camargue in Südfrankreich mit der YAMAHA MT-09

..Schon die Anfahrt gen Süden durch das Rhône-Tal ist Genuss pur – es muss ja nicht die Autobahn sein. Auf den Landstraßen entlang der Flussufer geht es entspannt zu. Ländliche Straßencafés locken mit französischem Flair, unzählige idyllische Picknickplätze zur kleinen Pause. In Avignon, der Stadt der Päpste, ist man dann angekommen im Süden Frankreichs.

Ab hier gehen die Uhren ein klein wenig langsamer

Baguette, Orangenmarmelade, schwarzer Kaffee vom Gaskocher, es ist schon stilecht, unser Frühstück am nächsten Morgen auf dem Campingplatz in Saintes-Maries-de-la-Mer. Das über Nacht Wind aufkam ist außerordentlich hilfreich. Die allgegenwärtigen Mücken machen sich dünn und lassen uns in Ruhe frühstücken. Wenig später sitzen wir schon auf der Yamaha, verlassen Saintes-Maries-de-la-Mer gen Westen. Nicht über die Hauptstraße, sondern entlang der kleinen, kaum befahrenen D38. Sie führt ohne jeden Übergang direkt durch die für die Camargue so typische Landschaft - Salzwasserlagunen, mit langen Gräsern und niedrigem Strauchwerk bewachsen. Dazwischen versandete und sumpfige Inseln, umgeben von sich im Wind kräuselndem flachen Wasser. Wie ein Damm führt der Asphalt durch das Brackwasser, streift hier und da einen Hof oder führt an einem einsamen Haus vorbei.

Und es gibt sie tatsächlich, nicht nur auf Postkarten - die rosaroten Flamingos der Camargue. Grazil auf ihren langen, dürren Beinchen durch das Watt stolzierend, verleihen sie dem grünen Umfeld rechts und links der Straße abwechslungsreiche Farbtupfer. Unseren Versuch, sie etwas näher zu fotografieren, quittieren sie aber erst mal mit Flucht. Ganz im Gegenteil zu den weißen, halbwilden Pferden. Sie genießen scheinbar die willkommene Abwechslung und lassen sich gerne und ausgiebig fotografieren.

Vor dem wehrhaften Stadttor Aigues-Mortes lasse ich die Yamaha ausrollen und durch das uralte Stadttor gelangen wir zu Fuß in das Innere der Altstadt. Seit dem Mittelalter beschützt die heute noch perfekt erhaltene Stadtmauer das Gewirr der kleinen, verwinkelten Plätze und Gassen. Kaum zu glauben, dass Aigues-Mortes einst einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte der französischen Mittelmeerküste war. Es blühte der Handel und von hier brach Ludwig der Heilige mit 50 000 Mann zu seinem brutalen Kreuzzug nach Ägypten auf. Heute liegt die Küste durch die Versandung sechs Kilometer vor der Stadt und lediglich ein schmaler Kanal verbindet Meer und Aigues-Mortes miteinander.

Die Cafés und Restaurants der Stadt sind gut besucht, in den Sträßchen flanieren die neugierigen Besucher und auf den Plätzen lassen sich die Menschen die Sonne ins Gesicht scheinen. Auch wir schlendern über das historische Pflaster, schauen in den einen oder anderen einladenden Laden und genießen den mediterranen Flair zwischen den gewaltigen Stadtmauern.

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Vorbei am Tour Carbonnière, dem einstigen Vorposten der Stadt, verlassen wir Aigues-Mortes einige Zeit später wieder, nehmen Kurs auf das Hinterland. Abwechslungsreich sind die Straßen. Erst der schmale Damm um den Tour Carbonnière herum, dann ein kurzes Stück breite Schnellstraße, die wir aber bei Aimargues sehr schnell wieder verlassen um in die Landschaft um Vauvert einzutauchen. Und, man will es kaum glauben, wir finden uns inmitten von Weinbergen wieder. Bis zu 100 Meter hoch sind die Hügel des Weinbaugebietes Costières de Nîmes und immerhin 12.500 Hektar Weinstöcke sind es, an denen die Reben für vortrefflichen Rotwein und Rosé in der südfranzösischen Sonne reifen. Wohl dem, der noch Platz im Koffer hat. In Vauvert, dem netten Örtchen mittendrin, wandern zwei vielversprechende Flaschen ins Gepäck.

In großem Bogen nähern wir uns St. Gilles. Das kleine, sympathische Nest kommt gerade recht für einen Stopp im Café mitten im Zentrum. Hier klären wir auch die existenzielle Frage, ob wir den Abend in Arles oder lieber doch am Campingplatz verbringen. Die zwei Weinflaschen im Gepäck und die Aussicht auf ein romantisches Picknick bei Sonnenuntergang am Strand liefern nachhaltige Argumente - Arles muss warten.

Das nehmen wir uns am nächsten Tag vor. Aber zuerst gilt es, den Südosten der Camargue zu erforschen. Enge Nebenstraßen, bisweilen doch gespickt mit der einen oder anderen interessanten Kurve, winden sich um das Étang de Vaccarès, ein unter Naturschutz stehendes, riesiges Becken herum. Flamingos stehen auch hier Spalier. Und wir entdecken eine ganze Reihe der mächtigen, schwarzen Stiere der Camargue. Auf den Manardes, den Farmen der Camargue, werden sie gezüchtet. Die, die nicht direkt beim Schlachter landen, werden ausgewählt für die meist unblutigen Stierkämpfe in den Arenen der Region. Dazwischen immer wieder riesige Vogelschwärme, weiße Pferde, Sonnenblumen, der sich im Wasser spiegelnde strahlend blaue Himmel.

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Doch, die Camargue ist wahrlich ein Land der Beschaulichkeit und für Genießer. Beschaulich agiert auch die Fähre über die Grand Rhône, die Große Rhône. Der linke Arm des Flusses mäandert bei Port-St.-Louis ins Meer, seine letzte Brücke findet sich in Arles. Hier unten, im Süden der Camargue, bei den großen Salinen von Giraud, dümpelt nur noch die Bac de Barcarin, eine kleine Fähre, übers Wasser. Das Schiff bringt uns hinüber auf die östliche Seite und damit vor die Stadttore von Port-St.-Louis. Das moderne Städtchen mit seinem riesigen Hafen ist vor allem bei Seglern beliebt. Unzählige Boote schaukeln im Hafen und auf den Bänken rings um das Becken lässt es sich prima sonnen und relaxen. Weiter nach Süden führt die D35 quer durch den Ort und noch rund sieben Kilometer bis an den Golfe de Fos mit seinen unglaublich weiten und langen Sandstränden.

a, und dann könnte man noch weiter westlich fahren, bis an das Étang de Berre, das große Becken am Rand von Martigues und Istres, gleich am Flughafen Marseille-Provence. Man kann es aber auch lassen und tut gut daran. Riesige Industrieflächen und der Petroleumhafen sind nicht wirklich ein lohnendes Ausflugsziel für Motorradfahrer. Also kurven wir entlang der Grand Rhône wieder hoch, folgen erneut dem Flusslauf, Arles im Visier. Aber vorher, da liegt noch ein richtiges kleines Prachtstück am Straßenrand nur wenige Meter vor der Stadtgrenze von Arles, die berühmte Brücke Pont de Langlois. Gerne behaupten ortsansässige Franzosen und eine große Hinweistafel, dies sei die Originalbrücke, die Vincent van Gogh im Frühjahr 1888 gleich viermal malte. Das könnte fast sein, sie sieht Ihr schließlich sehr ähnlich. Aber man sollte sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Das Original gibt es nicht mehr und als es das gab, stand das etwa zwei Kilometer entfernt. Die jetzige Brücke überspannte bis 1959 bei Fos, ebenfalls in der Camargue, das Wasser, wurde dort abgebaut und dient nun hier bei Arles als Hingucker.

Und noch ein Ziel haben wir, bevor es schließlich doch noch nach Arles hinein gehen soll - die Berge. Berge? In der Camargue? Zugegeben, eigentlich ist es nicht mehr ganz die Camargue. Aber es liegt doch so nahe, vielleicht fünf Kilometer hinter dem vermeintlichen Ende, dass man hier vielleicht ein Auge zudrücken könnte. Dafür geht es dann aber auch gleich 387 Meter in die Höhe und das über wirklich spektakuläre Straßen. Fontvieille ist der richtige Einstieg in die bergige Region rund um les Baux-de-Provence. Nicht umsonst kommt Baux von Baou, was auf provenzalisch soviel wie "hoher Fels" bedeutet. Der hohe Fels östlich von Arles ist ein Felsmassiv, gespickt mit einer Burgruine und einigen Häusern rund um den Hang. Davor schlängeln sich einige spannende Kilometer Straße durch die Felsen. Türme, Kuppeln, Bögen und Überhänge bildet das Gestein rechts und links der Straße. Es geht bergan und bergab, mal rechts und links und wer der Kurverei nicht überdrüssig wird, kann den Kurvenspaß gleich in den Alpilles östlich davon fortsetzen.

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Wir aber nicht, nun wollen wir doch endlich nach Arles und steuern in Richtung der einstigen römischen Militärkolonie. Vom Rand ins Zentrum lassen wir uns einfach treiben, folgen den "Centre"-Schildern und finden uns schnell auf dem Place Republique wieder. Hier stehen schon eine ganze Reihe Zweiräder, dem Herdentrieb folgend parken wir gleich daneben und schlendern von hier durch die schmalen Gassen und Straßen. Auf jedem Platz, in jedem Winkel und Eckchen hält Arles Überraschungen bereit. Jede Menge Überreste römischer Hinterlassenschaften, bildschöne Fassaden, interessante Läden, einladende Cafés und Restaurants, gemütliche Orte zum Verweilen, zum Stöbern, zum Schauen. Wer hier Langeweile schiebt, hat selber schuld. Die Krönung ist das gewaltige Amphitheater mitten in der Stadt. Ein phänomenales Bauwerk, abends in der Dunkelheit fantastisch beleuchtet. Und schnell haben wir den besten Platz ausgemacht, das Gemäuer gebührend zu bestaunen. Gleich gegenüber des Haupteingangs, auf der anderen Straßenseite, sitzen wir auf der Außenterrasse eines Restaurants, genießen knackfrischen Salat und Brot, dazu ein Gläschen Rosé - aus der Camargue natürlich - ein Hoch dem französischen Savoir Vivre.

Das genießen wir auch die nächsten Tage noch. Le Grau-du-Roi, die urige Stadt im Südwesten der Camargue, Nîmes, das große Zentrum, Avignon und Cavaillon, es gibt noch jede Menge Ziele, die über die romantischen Nebenstraßen der Camargue erreichbar sind. Was schrieb ich zu Beginn doch gleich noch? "Die Camargue ist genau das, was Motorradfahrerland nicht ist." Aber ganz ehrlich? Das war gelogen!

Allgemeines zur Camargue

Die Camargue liegt südlich von Avignon an der Küste des Mittelmeeres. Der größte Teil der Camargue liegt zwischen den beiden Armen der Rhône, die hier ins Meer mündet. Die Camargue hat eine Größe von etwa 950 Quadratkilometern und besteht hauptsächlich aus fruchtbarem Schwemmland. Deshalb wird sie auch intensiv landwirtschaftlich sowie zur Tierhaltung genutzt. Ein großer wirtschaftlicher Faktor sind auch seit Jahrhunderten die Salzsalinen.

Heute ist die Camargue zur Rhône hin komplett eingedeicht. Dadurch kommt es nicht mehr zu den Überflutungen, aus denen die Region einst entstand. Dies hat allerdings auch negative Folgen bezüglich der Versalzung. Die Camargue ist heute in großen Teilen Landschaftsschutzgebiet. In der für die Camargue typischen flachen, feuchten Landschaft leben zahlreiche Wasservögel, vor allem die Großen Flamingos sind sehr zahlreich. Zudem leben hier zwar nicht ohne Besitzer, aber dennoch relativ frei, die weißen Camargue-Pferde, eine Wildpferderasse, die nur hier vorkommt. Außerdem gibt es große Herden der schwarzen Camargue-Stiere. Deren Fleisch gilt als Spezialität der Provence. Zudem werden die Stiere speziell für die meist unblutigen südfranzösischen Stierkämpfe gezüchtet.

Besonders sehenswert sind die größeren Orte in und um die Camargue - Arles und Avignon mit ihren faszinierenden Altstädten und Bauwerken, Aiges-Mortes mit der gewaltigen Stadtmauer, aber auch le Grau-du-Roi mit seiner besonderen Lage an der Küste sowie Saintes-Maries-de-la-Mer, das eigentliche Zentrum der Camargue.

Die Camargue ist eine Region für Entdecker und Genießer. Hier lässt sich die französische Lebensart perfekt ausleben. Einladende Straßencafés, interessante Gastronomie, die einmalige Natur und viele kulturelle Highlights locken zu mehr als nur einem kurzen Zwischenstopp.

Streckenlänge / Anreise / Zeitaufwand

Nordlichter folgen dem Rhein Richtung Süden und dann geht es über Lyon das Rhônetal hinunter. Wer aus dem deutschen Süden anreist, durchquert die Schweiz und trifft dann bei Lyon auf die Rhône.

Die Entfernungen in der Camargue sind eher überschaubar. Die komplette Ost-West-Ausdehnung beträgt gut 80 Kilometer. Durch die verwinkelten Nebenstrecken kommen natürlich mehr auf den Tacho.

Für einen Trip in die Camargue mit ein bisschen Sightseeing drum herum sollte man wenigstens drei bis vier Tage einplanen.

Beste Reisezeit

In der Camargue herrscht überwiegend mediterranes Klima mit heißen, trockenen Sommern und regenreichen, aber milden Wintern. Schon früh im Frühling lässt es sich in der Camargue dem ungemütlichen Wetter in Deutschland entfliehen. In der Hauptsaison Juli / August kann es schon mal etwas voller werden, vor allem, wenn auch die Franzosen Urlaub machen. Spätsommer und Herbst sind sehr schöne Jahreszeiten in der Camargue, dann wird es langsam wieder ruhiger, ist aber immer noch angenehm warm und sonnig.

Unterkunft

Hotel- und Fremdenzimmer sowie Pensionen und Campingplätze gibt es in der Camargue recht zahlreich. Außerhalb der Hauptsaison findet sich immer etwas. Die örtlichen Touristinfos helfen dabei gerne, Unterkünfte sind aber auch stets gut ausgeschildert. Für Juli / August ist es recht hilfreich, eine Unterkunft vorzubestellen.

Internet

Zur Einstimmung mit fantastischen Fotos die private Seite www.camargue-photos.de,
offizielle Seite des Fremdenverkehrsamtes ist de.rendezvousenfrance.com
und www.saintesmaries.com informiert lokal.

Literatur / Karten

Sehr detailliert und brandneu ist die Michelin-Karte 113 „Provence, Camargue“ im Maßstab 1:160 000,
ISBN 978-2067217775 für 7,99 € (Amazon)

Im hervorragendem Lonely Planet Reiseführer Provence & Cote d'Azur finden sich zahlreiche Infos zur Camargue.
ISBN 978-3829745116 , Verlag Lonely Planet Deutschland, 19,99 €. (Amazon)